Keine Zukunft ohne nachhaltige Agrarwirtschaft

Mai 6, 2012
Peter Brabeck-Letmathe (links)

Von Peter Brabeck-Letmathe

2050 wird die Welt mehr als 9 Milliarden Menschen ernähren müssen. Um dieser Nachfrage nachkommen zu können, muss sich die globale Nahrungsmittelproduktion verdoppeln.

Das ist kein neues Problem. Schon vor zehn Jahren war Nestlé einer der drei großen Konsumgüterhersteller, die die Sustainable Agriculture Initiative gründeten - die einzige globale Initiative der Nahrungsmittelindustrie.

Wir wussten, dass eine sich einstellende Knappheit an qualitativ hochwertigen, landwirtschaftlichen Rohstoffen, zusammen mit Millionen von immer wohlhabenderen Konsumenten, nicht nur unser Geschäft, sondern auch die globale Nahrungsmittelproduktion bedrohen würden.

Wissen teilen

Die SAI Platform wurde 2002 mit dem Ziel initiiert, Wissen und  Initiativen zu teilen, die die Entwicklung und Implementierung von nachhaltigen Landwirtschaftspraktiken unterstützen. Im Jahr zuvor hatten wir bereits eine nachhaltige Agrarwirtschaftsinitative bei Nestlé ins Leben gerufen, hatten jedoch realisiert, dass wir alleine keine Veränderung bewirkten können. 

Wir glaubten daran, dass wir durch die Definition von Prinzipien gemeinsam mit anderen Unternehmen, und durch die Implementierung dieser zusammen mit unseren Lieferanten, einige Probleme beginnen würden zu lösen. 

Arbeit mit den Bauern

Eine der größten Herausforderungen ist es nach wie vor, sicher zu stellen, dass die Bauern, die uns beliefern diese nachhaltigen Prinzipien und Standards auch einhalten.  Über die letzten 12 Jahre hinweg haben wir die Zusammenarbeit mit den Bauern im Hinblick auf nachhaltige Landwirtschaftspraktiken ständig intensiviert. Heute sind mehr als 680.000 Bauern Teil unserer Versorgungskette, hauptsächlich Kleinbauern in mehr als 50 Ländern.

Unsere Farmer Connect Programme haben uns geholfen, Einblicke zu gewinnen, die es uns erlauben die Praktiken unserer Lieferanten weiter zu entwickeln. Sie sind daher die Basis des Responsible Sourcing Programms, das wir heute nutzen um unsere Lieferanten bewerten und um ihnen zu helfen nachhaltiger zu werden.

Diese Art der Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten ist Teil unseres Creating Shared Value Ansatzes Wirtschaft zu betreiben. Wir glauben, dass ein Unternehmen, um langfristig erfolgreich zu sein, nicht nur Werte für seine Anteilseigner, sondern auch für die Gesellschaften, in denen es tätig ist schaffen muss.

Bessere Einbindung

Ein Jahrzehnt später besteht die SAI aus 40 Mitgliedern, von multinationalen Unternehmen über Kooperativen, bis hin zu Bauernorganisationen.

Durch die Plattform haben wir gelernt, die verschiedenen Interessensgruppen - nicht-staatliche und interstaatliche Organisationen eingeschlossen - besser einzubinden. Gemeinsame Verständigung hinsichtlich spezifischer Themen hat allen Mitgliedern geholfen unser Unternehmen und die Umwelt in der wir agieren besser zu verstehen.

Chronische Wasserverknappung

Es stehen uns immer noch viele Herausforderungen bevor. Noch viele inakzeptable, nicht nachhaltige Praktiken müssen verändert oder ausgemerzt werden. Die größte dieser Herausforderungen ist der globale Wasserverbrauch. Es ist DAS Problem unserer Lebenszeit; eines das meiner Meinung nach immer noch unterschätzt wird.

Heute ist Landwirtschaft verantwortlich für 70% des weltweiten Wasserverbrauchs. Darin liegt meiner Meinung nach das Hauptrisiko für Nahrungsmittelhersteller: massive Verknappung des Wassers, das wir benötigen, um die entsprechenden Mengen an Rohmaterial anzupflanzen.

Aber darin sehen wir auch das größte Potential für Transformation. Die Menge an Wasser die von der Landwirtschaft verbraucht wird, entspricht fast 2,5 mal der Menge, die von den Pflanzen tatsächlich benötigt werden. Es können – und müssen – also immer noch massive Einsparungen gemacht werden.

Wenn wir den Wasserverbrauch signifikant reduzieren wollen, müssen die entsprechenden Initiativen zwar auf lokalem Level implementiert, jedoch müssen sie auf Regierungsebene vorangetrieben werden. 

Mehr produzieren, weniger verschwenden

Eine weitere große Herausforderung ist der Müll. Nachhaltige Landwirtschaft bedeutet auch, natürliche und erneuerbare Ressourcen zu verwenden, ohne sie zu verschwenden, zu verschmutzen oder zu zerstören.  Ungefähr ein Drittel der Nahrungsmittelproduktion für den menschlichen Bedarf wird jährlich, global über die gesamte Versorgungskette hinweg verschwendet. Dies entspricht einer Menge von einer Billion Tonnen.

Wir müssen nachhaltigere Landwirtschaftsmethoden finden, die die Produktion verbessern, dabei weniger verschwenden, und ohne dabei natürliche Ecosysteme in neues Ackerland zu verwandeln.

Katalysator für Veränderung

Während wir noch weit davon entfernt sind, unsere gemeinsamen Probleme gelöst zu haben, hat die SAI uns gezeigt, dass die Lebensmittelindustrie, wenn sie in ihren Problemen rund um die nachhaltige Landwirtschaft vereint ist, ein effektiver Katalysator für Veränderung sein kann.

Aber die Industrie kann nicht in Isolation arbeiten. Wir haben alle einen Teil beizutragen: die Regierung kann die Richtung bestimmen, Unternehmen können investieren und Innovationen vorantreiben, die Gesellschaft kann Ihre Gemeinschaften mobilisieren.

Wenn wir zehn Jahre voraus blicken, ist es falsch über eine ‚Zukunft der nachhaltigen Landwirtschaft‘ zu sprechen. Sagen wir einfach: es gibt keine Zukunft, ohne nachhaltige Landwirtschaft.