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„Sie ist wie ein Haustier: Man muss sie hegen und pflegen. Dann dankt sie es dir mit ewiger Treue." Andrew Griffiths hat zwar keinen verklärten Blick, aber auf seinem Gesicht erscheint ein breites Grinsen, wenn er von der neuesten Errungenschaft in der Nestlé-Fabrik im britischen Fawdon erzählt.

Bei dem „Haustier" handelt es sich weder um die Bürokatze noch um eine Ziege, die den Rasen kurz halten soll. Andrew Griffiths, Leiter der Nachhaltigkeitsabteilung von Nestlé Großbritannien und Nordirland, spricht von einer Vergärungsanlage, die täglich unter leisem Gurgeln mehrere Hunderttausend Liter Flüssigabfall in grüne Energie umwandelt.

Schokoladenbrühe

In der Fabrik im Nordosten Englands laufen einige von Nestlés bekanntesten Süßwaren wie Rolo und Fruit Pastilles vom Band. Bei der Produktion entsteht Müll. Nestlé suchte nach Möglichkeiten, diesen Abfall sinnvoll zu nutzen, und stieß auf ein jahrhundertealtes Verfahren: die anaerobe Gärung.

Schokoladenproduktion im Werk Fawdon

In Fawdon soll vor allem der Flüssigabfall aufbereitet werden, der in der Fabrik anfällt. Doch auch Schokoriegel und Süßigkeiten, die nicht durch die Qualitätskontrolle kommen, werden zusammen mit anderen Abfallprodukten wie Stärke und Zucker zerkleinert, im Flüssigabfall aufgelöst und zu einer „Schokoladenbrühe“ verrührt. Und das klingt besser als es schmeckt.

Schließlich wird das Ganze in einen luftdichten Tank gefüllt. Nun beginnt die Vergärung – ein natürlicher Prozess, bei dem Bakterien biologisch abbaubares Material zersetzen. Und hier erklärt sich auch, warum Andrew Griffiths die Vergärungsanlage gerne mit einem Haustier vergleicht: Sie hat gewisse Vorlieben und Abneigungen, wie ein lebendiges Wesen. „Sie mag es überhaupt nicht, wenn man plötzlich ihr Futter ändert. Man muss sie langsam daran gewöhnen."

Die Agrarindustrie kennt dieses Verfahren schon seit Jahrhunderten, doch das Besondere an der Anlage in Fawdon ist die extrem schnelle Verarbeitung des Flüssigabfalls.

Aus Abfall wird Wärme

Wir haben die große Chance umgesetzt, keinen Abfall mehr zu erzeugen – das senkt unseren ökologischen Fußabdruck dramatisch. Andrew Griffiths, Leiter der Nachhaltigkeitsabteilung von Nestlé Großbritannien und Nordirland

Durch Vergärung entsteht Biogas, ein erneuerbarer Kraftstoff, der Methan enthält. Über die Anlage in Fawdon werden 5 bis 8 % des Energiebedarfs der Fabrik gedeckt. Doch die Anlage produziert nicht nur Energie, sondern hilft auch bei der Wasseraufbereitung. „Die Vergärungsanlage leistet uns große Dienste. Wir konnten unsere Abfallmenge verringern und unseren ökologischen Fußabdruck wesentlich verkleinern", so Andrew Griffiths.

Obwohl das Prinzip so simpel ist, brauchte es Zeit und Geld, bis die Anlage richtig eingestellt war. In einem Pilotprojekt wurde das Verfahren erst einmal mit einer kleineren Version getestet. Beachtliche 4,7 Millionen Schweizer Franken (etwa 4,3 Millionen Euro) kostete die Anlage in Fawdon. Doch durch die langfristige Kostenersparnis hat sich der Bau gelohnt.

„Zero-Waste" als Philosophie

Verpflichtung bis 2020: Kein Abfall
in unseren Werken.

Die Anlage in Fawdon ist nur eines von vielen Projekten, in die Nestlé investiert: In Panama stattete das Unternehmen kürzlich Viehbauern mit Mini-Biogasanlagen aus. Diese kleinen Kraftwerke werden mit Dung „gefüttert", der in Biogas und Flüssigdünger umgewandelt wird. Dadurch sind die Bauern nicht länger auf Brennholz angewiesen und schonen die Baumbestände in der Umgebung. Nestlé hat ähnliche Projekte auch mit Bauern in China, Mexiko und Pakistan gestartet, die mit dem Unternehmen zusammenarbeiten.

Bis 2020 will Nestlé ganz auf eine abfallfreie Produktion umstellen. Dies sind nur einige Beispiele dafür, wie sich dieser Plan umsetzen lässt.

Umdenken

Arbeiter im Werk Fawdon.

Laut Andrew Griffiths hatte das „Zero-Waste"-Projekt einen unerwarteten Nebeneffekt auf die Belegschaft. Die Mitarbeiter, die täglich erlebten, wie Abfall in Energie umgewandelt wird, kamen ins Grübeln. Plötzlich wollte jeder seinen eigenen Beitrag zum Umweltschutz leisten. „Es hat die Leute angespornt, sich noch intensiver mit dem Thema Umwelt zu beschäftigen.“

So klein sie auch sein mögen: Bakterien entfalten eine große Wirkung, wenn es darum geht, Energie zu sparen, Abfall zu vermeiden – oder Menschen zum Umdenken zu bewegen.